Das Sparbuch: Die dümmste Geldanlage der Welt?

Jeder zweite Deutsche hat ein oder mehrere Sparbücher. Noch immer zählt es zu den beliebtesten Anlageformen. Es steht für Sicherheit und Beständigkeit. Immerhin gibt es diese Anlageform schon seit über 200 Jahren. Rational gesehen dürften Sparbücher eine der dümmsten Geldanlagen der Welt sein, aber warum sind sie so beliebt?

Montag Vormittag 10 Uhr. Ich warte in der Schlange des Bankschalters. Vor mir wird ein aufgebrachter Kunde bedient. Es war unüberhörbar, dass er dingend 30.000 € von seinem Sparbuch abheben möchte um damit ein Auto zu kaufen. Die Mitarbeiterin hinterm Tresen versucht dem Herrn zu erklären, dass ein Sparbuch eine drei monatige Kündigungsfrist hätte. Man könne zwar monatlich über 2.000 € verfügen, aber alles darüberhinaus müsse drei Monate vorher gekündigt werden. Auf einmal wird es laut. Der Kunde schreit: „Das war noch nie so! Das habt ihr neu erfunden! Früher war alles besser! Ich will ihren Chef sprechen!“ Nach wenigen Minuten kommt die Filialleiterin. Sie führt ein kurzes Telefongespräch (wahrscheinlich darf nicht mal sie eine Ausnahme genehmigen) und bezahlt das Geld sofort aus.

Spareinlagen sind nach § 1 Abs. 29 Satz 2 KWG unbefristete Gelder, die u.a. eine Kündigungsfrist von mindestens drei Monaten aufweisen. 2.000 € pro Monat sind frei. Wer also höhere Beträge auf dem Sparbuch spart, und das Geld dann ungekündigt verfügen möchte, hat ein Problem: Entweder die Bank genehmigt die Auszahlung oder eben nicht. Was wird eine Bank in Zeiten eines krisenbedingten Liquiditätsengpasses tendenziell machen? Vorsicht: Es gibt auch noch Sondersparbücher mit 6 oder 12 Monaten Kündigungsfrist. Ein Sparbuch ist eben kein Tagesgeldkonto. Es erschließt sich mir nicht, weshalb jeder zweite Deutsche eine Geldanlage hat, die keine (oder kaum) Zinsen abwirft und nicht täglich verfügbar ist.

Und wie ist es mit der Sicherheit? Das Sparbuch ist ein „qualifiziertes Legitimationspapier“ im Sinne des § 808 Abs. 1 Satz 1 BGB. Danach kann das Kreditinstitut an den jeweiligen Vorleger des Sparbuchs mit schuldbefreiender Wirkung auszahlen, sofern es sich um freie oder gekündigte Beträge handelt. Die Bank darf also an jeden Vorleger auszahlen! Natürlich kann man das Buch auch mit einem Kennwort schützen, das lassen sich aber die Banken recht teuer bezahlen. Wer mein Sparbuch findet oder stiehlt, kann somit theoretisch bis zu 2.000 € pro Kalendermonat verfügen. Der Vorleger hat keinen Anspruch auf Auszahlung (Bank kann im Zweifel verweigern), aber will ich mich darauf verlassen?

Die gute Nachricht zum Schluss: Es gibt zwar so gut wie keinen Zins, aber dieser Zins ist relativ gesehen sehr gut, denn Banken dürfen auf Sparbücher keine Negativzinsen verlangen. In manchen Bundesländern schreibt das Sparkassengesetz sogar „eine Eins an irgendeiner Stelle nach dem Komma“ vor. Bei solchen Banken sieht man dann oftmals Zinssätze wie 0,0001% oder ähnliches. Das ist aber immer noch besser, im Vergleich zu Minus 0,5%. Damit die Bank hierbei keine zu großen Verluste macht, muss sie die Spareinlagen langfristig (z.B. in Baufinanzierungen) anlegen. Daher wird es verständlich, warum immer mehr auf die Einhaltung der Kündigungsfristen gepocht wird.

Ein Sparbuch ist unsicher (außer es ist mit einem Kennwort gesichert oder liegt in einem Tresor) und extrem unflexibel. Aber es schützt vor Negativzinsen. Von der dümmsten Geldanlage der Welt zu sprechen, wäre zu heftig, aber für den langfristigen Vermögensaufbau ist es sehr ungeeignet. Das Sparbuch ist ein Instrument, das in bestimmten Konstellationen durchaus sinnvoll sein kann. Jeder zweite Deutsche hat ein Sparbuch – bei den meisten dürfte es wohl keinen Sinn machen.

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