Dieser Börsencrash war nicht „The Big One“

Niemand klickt gerne auf einen Artikel, der behauptet, dass der Crash vorbei wäre. Mit Weltuntergangsszenarien und Crash-Prophezeiungen generiert man wesentlich mehr Klicks. Seit dem März-Tief hat der deutsche Leitindex DAX inzwischen um rund 40 Prozent aufgeholt und schloss gestern bei rund 11.500 Punkten. Damit steht für das bisherige Jahr 2020 noch ein Minus von -12.55% auf der Uhr. Ist dieses Minus ein nennenswerter Crash?

Ein Crash verkauft sich natürlich gut. Als der DAX im März weit unter 10.000 Punkte rutschte kamen sie alle aus Ihren Löchern: Egal ob Marc Friedrich und Matthias WeikMax OtteDirk MüllerMarkus Krall oder andere Propheten. Keiner von ihnen hatte eine Virus-Pandemie als externen Schock auf dem Schirm. Ich möchte die genannten Autoren nicht diskreditieren. Ich schätze ihre Expertise und Professionalität. Im März hatten wir ja auch einen Crash, und zwar einen sehr heftigen! Doch dann kam die Erholung: So schnell wie es nach unten ging, so schnell ging es wieder nach oben.

Die Anleger reagierten zuletzt ziemlich euphorisch auf den weltweit immer stärkeren Rückbau der Corona-Beschränkungen. Zudem werden Unsummen an Liquidität in die Märkte gepumpt: Zum einen durch die Notenbanken aber zum anderen auch durch neue Schuldenorgien neulinker Machthaber, die aufgrund der Krise völlig neue Befugnisse haben. Obwohl sich die Konjunktur noch immer im Rezessionsmodus befindet, schauen die Aktienmärkte schon in eine bessere Zukunft. Man geht davon aus, dass die Rettungspakete funktionieren und der Steuerzahler brav die Zeche zahlt. An dieser Stelle herzlichen Dank für eure Steuern, damit meine Aktien steigen. Danke! Danke! Danke!

Über den Märkten hängen derzeit zwei Damoklesschwerter: Zum einen die Gefahr einer zweiten Infektionswelle und zum anderen die verhärteten Fronten zwischen den USA und China. Daher solle man mit Käufen wohl noch vorsichtig sein, auch weil es nicht mehr ganz so billig ist. Die nächste Börsenwoche hat wieder wichtige Termine auf der Agenda. Nach wichtigen Stimmungsdaten aus China zum Wochenauftakt wird besondere Aufmerksamkeit der EZB-Ratssitzung am Donnerstag beigemessen. Neben dem Zinsentscheid, könnte die Europäische Zentralbank auch das Anleihekaufprogramm erhöhen.

Aktienmarkt: Endlich Crash!

Dass der aktuelle Börsenkrach, vor allem für jüngere Sparende ein Segen ist, brauche ich hoffentlich niemandem erklären. Das Kursniveau liegt inzwischen weit unter seinen Rekordkursen. Je nach dem, wann der Markt seinen Boden findet, kann der Crash viele neue Chancen bieten.

Sparpläne: Wer in regelmäßigen Beträgen kauft, bekommt jetzt für seine Sparrate mehr Anteile. Der Depotbestand nimmt zwar durch die Neubewertung erstmal ab, aber von der Erholung profitiert man dann umso mehr. Wer jetzt keine Geduld hat und panisch verkauft, schaut künftigen Gewinnen hinterher.

Zeit: Es war noch immer so, dass die Kurse nach einem Bärenmarkt stets wieder höher als zuvor standen. Die Unternehmen sind ja alle noch da (es flogen keine Bomben!). Auch die Infrastruktur ist noch da. Alles pausiert, aber alles ist noch da. Zudem wird es sog. „Nachholeffekte“ geben.

Unlogik: Kann eine Suchmaschine oder ein Streamingdienst mit Corona infiziert werden? Natürlich nicht. Trotzdem sind auch diese Aktien gefallen. Insbesondere durch ETFs kam es zu vielen Übertreibungen („alle verkaufen alles“).

Wandel: Jetzt kommt der digitale Wandel schnell und schlagartig. Homeoffice, Videokonferenzen, bargeldloses Bezahlen, Lieferdienste, Online-Handel und so weiter. Vieles was verstaubten Managern lange keinen Spaß gemacht hat, kommt jetzt über Nacht. Nach der Krise ist vieles anders sein. Alles sortiert sich neu.

Volatilität: Endlich bewegen sich die Märkte wieder. Lange Zeit war bei Aktien eine gähnende Langeweile zu sehen. Inzwischen kann man wieder richtig Movement feststellen. Die Kurse suchen und finden ihren inneren Wert und steigen nicht einfach nur, weil sie steigen.

Crash-Gurus: Nein, die Welt geht nicht unter. Die Weltwirtschaft wird langfristig wieder wachsen und die Unternehmen ihre Wertschöpfung wieder in Gang bringen. Jetzt ist die Zeit zu kaufen – jetzt ist es billig. Natürlich nur, wenn man Mut hat und auch vor weiteren Rückschlägen keine Angst hat.

Bleibt gesund!

Der nächste Crash könnte durch ETFs ausgelöst werden

ETFs sind sehr beliebt. Verbraucher*innen kaufen sie gerne, weil sie sich irgendwie anständig, laktosefrei und vegan anhören. In Wahrheit könnten ETFs aber toxische Finanzprodukte sein, die einen möglichen Crash nicht nur verstärken, sondern auch auslösen.

Stellen Sie sich einen Finanzmarkt vor, auf dem jeder Marktteilnehmer nur ETFs hat. Alle Preise würden, je nach Indexgewichtung, immer zusammen steigen und zusammen fallen, denn eine Einzeltitelselektion fände nicht statt. Die Kurse steigen, gierige Hippster steigen ein. Hierdurch steigen die Kurse noch weiter und noch mehr gierige Hippster steigen ein. Der Trend nährt den Trend. Die Aktien steigen nicht, weil die Unternehmen gesunde und nachhaltige Gewinne machen. Die Aktienkurse steigen, weil sie steigen. Durch den Kauf eines gesamten Index, steigen auch Aktien derjenigen Unternehmen, die schlichtweg als Zombie unterwegs sind.

Sobald wir mal fallende Kurse sehen, kehrt sich dieser Mechanismus um. Die Anlegenden werden panisch verkaufen. Alle Kurse rauschen in den Keller (klar, weil durch den ETF wird ja auch immer alles verkauft), auch die qualitativ guten Unternehmen. Auch jetzt verstärkt der Trend den Trend. ETFs hebeln wichtige Machtmechanismen aus. Dabei sind funktionierende Märkte, die auch ein gewisses Maß an Volatilität zulassen, unerlässlich für eine angenehme Finanzmarktstabilität. Mit ETFs unterdrücken wir sehr viel Volatilität, was sich irgendwann als „black swan“ entladen könnte.