Nüchtern betrachtet ist es gut, dass es keine Zinsen mehr gibt

Ich kann das Gejammere der neureichen Mittelschicht nicht mehr hören. „Ohje es gibt keine Zinsen mehr, ich bin das Opfer der Geldpolitik“. Scheinbar pausenlos kritisieren diese ewig gestrigen die neue Zinslosigkeit. Diese Situation hat aber auch Vorteile.

Zinsen sind nicht sozial gerecht. Wenn ich von Zinsen schreibe, dann meine ich natürlich nur den risikolosen Bestandteil. Ist es sozial gerecht, wenn Besitzer großer Geldvermögen ein bedingungsloses Einkommen bekommen, während nicht-privilegierte dafür arbeiten müssen? Geldbesitzer würden dafür vergütet werden, wenn sie ihr Geld nicht in die Gesellschaft investieren. Die Zinslosigkeit macht das Horten von Geld unattraktiv. Niemand bekommt mehr ein bedingungsloses Grundeinkommen, nur weil er z.B. geerbt hat. Ohne Wagnis, kein Kapitaleinkommen und das ist auch gut so.

Die Immobilienpreise sind gestiegen. Es gibt sehr viele (alte) Menschen, oft Witwen, mit kleiner Rente aber abezahlter Immobilie. Diese Menschen haben vielmals ein Liquiditätsproblem. Zudem ist das Haus inzwischen viel zu groß und macht zu viel Arbeit. Durch den Preisboom kann der Eigentümer aber jetzt lukrativ verkaufen und so zu einem Vermögen kommen. Die Lebensqualität im letzten Lebensabschnitt steigt hierdurch spürbar. Auch kamen durch die Preisblase viele „Boomer“ an große Geldbeträge, nachdem sie ihre Erstimmobilie oder eine geerbtes Objekt verkaufen konnten.

Banken brauchen den Strukturwandel. Als es noch Zinsen gab, haben sich die Banken eine goldene Nase verdient. Im Kredit- aber auch im Einlagengeschäft gab es stets auskömmliche Margen. Weil diese Einnahmequelle nun weggebrochen ist, sind viele Banken zu einem Strukturwandel gezwungen. Die Zinslosigkeit führt zu mehr Digitalisierung und Weiterentwicklung der teilweise sehr eingestaubten Geschäftsmodelle. Auch sprießen immer mehr Fintechs oder sowas wie Kryptowährungen aus der Erde.

Gesellschaftliche Teilhabe. Durch die Zinslosigkeit müssen sich Anleger an Unternehmen beteiligen, um Kursgewinne und Dividenden zu bekommen. Hierdurch erhalten die Sparer (oder die Fonds, die sie kaufen) auch die Möglichkeit, auf den Hauptversammlungen ein Stimmrecht auszuüben. Aktionäre können, anders als Kreditgeber, mitbestimmen. Inzwischen hat auch der letzte Honk begriffen, dass er für den langfristigen Vermögensaufbau auch Aktien braucht. Wenn immer mehr Teile der Bevölkerung an den Unternehmen beteiligt sind und dort mitbestimmen dürfen, dann kann dies insgesamt zu mehr gesellschaftlicher Teilhabe führen. Manche Fonds werben sogar mit dem Begriff „Impact“ damit, dass sie ihr Stimmrecht besonders für das Thema „Nachhaltigkeit“ ausüben möchten.

Risikolose Zinsen sind ein Relikt aus vergangener Zeit. Er belohnt die mutlosen fürs Nichtinvestieren. Klar, die Zinslosigkeit zwingt den ein oder anderen zum Handeln und Umdenken. Der ein oder andere genießt es aber auch, ständig zu jammern und das Opfer zu spielen. Eins noch: Ich halte die aktuelle Geldpolitik (auch: Schuldenpolitik) in großen Teilen für schädlich. Dies ändert aber nichts daran, dass es vielen von uns ohne Zinsen besser geht.

Klar, meine Meinung ist kontrovers. Daher freue ich mich über viele Kommentare!

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Zinsen: Die freiwillige Enteignung

Die Deutschen bunkern rund 1,5 Billionen Euro auf Konten ohne Zinsen. Manche schimpfen, andere haben resigniert. Diese kollektive Opferhaltung birgt eine unbequeme Wahrheit: Die Enteignung findet freiwillig statt.

Staaten haben Schulden und Bürger haben Guthaben. Das Guthaben des einen ist immer auch die Schuld eines anderen. Staatspolitisches Ziel ist somit immer, die Guthaben mit den Schulden zu verrechnen. Dies geht über Steuern, Enteignung, Krieg oder Inflation. Noch wird die Substanz von Vermögen nicht wirklich besteuert (nur die Erträge daraus). Auch Enteignungen gehören noch ins Reich neulinker Spinnerei. Daher soll es über Inflation gemacht werden. Das von der EZB ausgerufene Ziel: Nahe aber unter zwei Prozent Geldentwertung pro Jahr. Somit schrumpft die Kaufkraft von Guthaben, aber auch die von Schulden. Bei Nullzins und beispielsweise 1,5% Inflation, verlieren Sparer jährlich 1,5% – in zehn Jahren sind das immerhin 15%. Das kann man Enteignung nennen. Politiker würden es stolz Schuldenkonsolidierung nennen und auf Plakate schreiben. Banker nennen es Realzinsfalle. Auf ein oder zwei Jahre lässt sich ein negativer Realzins (Guthabenszins minus Inflation) noch aushalten, aber bei langfristigen Anlagen (Altersvorsorge) tut das richtig weh.

Aber das ganze findet ja freiwillig statt. Niemand muss sein Geld zinslos parken. Niemand muss zwanghaft sein Geld auf einem Giro- oder Tagesgeldkonto liegen lassen. Wir müssen das nicht tun! Trotzdem tun wirs und die Gründe sind wie immer vielfältig. Bei manchen ist es Faulheit, bei anderen Unwissenheit und bei manchen womöglich eine besondere Form von Opferkult. Schließlich muss man ja was haben, um sich aufzuregen. EZB als Feinbild. Da kann man wenigstens mitreden und im bundesweiten Jammer-Chor mitsingen. Was auch immer die individuellen Gründe fürs Nichtstun sind, schlussendlich findet alles freiwillig statt. Niemand muss sich enteignen lassen. Kann es sein, dass es dauerempörte Wutbürger sogar befriedigend finden, sich ständig (in einer Opferrolle) aufzuregen?

Na gut, was kann man denn tun? Das ist kein Geheimnis. Das geht für die meisten Menschen allerdings nicht per „Check24“. Für eine breit gestreute Anlagestrategie sollte man sich schon mal ne Stunde Zeit nehmen. Einem guten Immobilienfonds darf man langfristig rund 2% per Anno zutrauen. Von einem global gestreuten Anleihenkorb kann man 0,5% bis 1% erwarten, wenn man bereit ist gewisse Schwankungen zu akzeptieren. Und dann sind da noch Unternehmensbeteiligungen. Bei Aktien wird es immer wieder zu Schwankungen kommen, doch langfristig sollten 5% pro Jahr drin sein. Zur Beimischung taugen noch Rohstoffe (Gold, Silber, Energie) und spezielle Derivate zur Absicherung. Jegliche Kursschwankung (egal bei welcher Assetklasse) kann durch monatlichen Einstieg („Sparplan“) abgemildert werden. Auch können Zertifikate auf einen Aktienindex zum Einsatz kommen, die einen Puffer haben und somit eine auskömmliche Seitwärtsrendite bringen dürften.

Was auch immer Anleger tun, Nullzins muss nicht sein. Allerdings muss man sich mit dem Thema beschäftigen und (neben dem Anlagebetrag) wirklich mal 1-2 Stunden investieren. Einen risikolosen Zins, quasi als „bedingungsloses Grundeinkommen für Reiche“ muss es nicht geben, gibt es nicht und wird es die nächsten Jahre auch nicht mehr geben. Aber über was soll man sich denn dann aufregen, wenn man auf einmal wieder Renditen hat? Da fällt der Empörungsindustrie sicher was ein. Irgendwas ist immer.

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